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Praxismanagement #3 – Führungsmodelle: von autoritär zu kooperativ
Dieser Artikel erschien in der Tierärztlichen Umschau, Ausgabe 03/2019
Wie werden Unternehmen erfolgreich geführt? Wie können Effektivität, Effizienz und Umsatz gesteigert werden? – Führungskräfte beschäftigen sich in allen Bereichen mit diesen Fragen.
Um nachhaltig als Führungsperson souverän und flexibel agieren zu können, bedarf es jedoch einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Führung“. Und dieser Begriff hat sich in den letzten Jahren von der autoritären Bevormundung hin zu einem kooperativen Führungsstil gewandelt.
In diesem Artikel möchte ich Ihnen zwei der bekanntesten Führungsstile vorstellen, die für die tiermedizinische Branche relevant und prägnant sind: Der autoritäre und der kooperative Führungsstil.
Der autoritäre Führungsstil – ein Auslaufmodell?
Der autoritäre Führungsstil mit klaren und durchaus harten Regeln war in der Vergangenheit in vielen Institutionen verbreitet ist dadurch gekennzeichnet, dass an der Spitze eine Person sitzt, welche alle Verantwortlichkeiten innehält: die Entscheidungsgewalt liegt hier bei 100%. Zwar kann die Führungsperson nach eigenem Ermessen Aufgabenbereiche delegieren bzw. anordnen (Top-Down-Prinzip), kontrolliert sie jedoch weiterhin. Bei der zu verrichtenden Arbeit beruft sich die Führungsperson hierbei auf die gesetzliche Verpflichtung des Arbeitnehmers, diese Arbeit auch persönlich ableisten zu müssen. Ein Mitspracherecht oder die Möglichkeit zur Eigeninitiative haben Mitarbeiter grundsätzlich und erst einmal nicht. Auch die fortlaufende berufliche Karriere von Mitarbeitern wird von der Führungsperson festgelegt. Wer sich durch Fleiß hervorhebt wird in der Regel bevorzugt.
– Unter dem Strich trägt somit die Führungsperson die Verantwortung für alles und jeden, was durchaus im Sinne des Unternehmens sein kann. Zudem können unsichere und passive Mitarbeiter besser aufgefangen und ihnen durch strenge Kontrolle Verhaltenssicherheit gegeben werden. Auch in Notfällen ist ein autoritärer Führungsstil nicht von der Hand zu weisen. Wenn akute Entscheidungen anstehen, dann müssen diese auch getroffen werden – und zwar ohne Diskussion.
Neben einigen Vorteilen überwiegen dennoch die Nachteile bei diesem Führungsstil. Und dies nicht nur aus heutiger Sicht:
Eine „Alleinscheidungsgewalt“ für eine tierärztliche Praxis oder Klinik kann sehr belastend sein und an den letzten Kräften zehren, was man an den hohen Burnout-Fällen in der Führungsebene noch immer „live“ miterlebt. Wie gut oder schlecht man mit der selbsternannten Führungsrolle zurechtkommt, hängt vom Charakter des jeweiligen Tierarztes ab. Um als autoritäre Führungsperson erfolgreich zu sein, muss man über enorme fachliche und methodische Kompetenz verfügen, um immer die richtige Entscheidung (natürlich nach dem neuesten wissenschaftlichen Stand) fällen zu können. Der Erfolg der Praxis / Klinik liegt zudem in der eigenen Leistungsorientierung, die nur einzuhalten ist, wenn eine gewisse Distanz zwischen Führungs- und Mitarbeiterebene eingehalten wird. Dies alles erfordert eine extreme Selbstdisziplin und Belastbarkeit, denn wenn man einmal ausfällt, geht alles den Bach runter. Eine „Auszeit“, um wieder neue Energie zu tanken, kann man sich somit kaum bis gar nicht gönnen.
Werden jedoch im Entscheidungsspielraum auch Mitarbeiter eingebunden, entfernt man sich nach und nach vom autoritären Führungsstil: Vielleicht startet man vorerst mit mehreren Führungspersonen, unter welchen patriarchisch entschieden wird, über eine Beratertätigkeit von Oberärzten bis hin zur Partizipation von (ausgewählten) Mitarbeitern. Je weiter man seine eigene Entscheidungsbefugnis öffnet, desto einfacher können Verantwortungsbereiche übertragen werden. Und diese Entwicklung hat einen neuen Vorteil: Das gegenseitige Vertrauen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bekommt einen Raum zu wachsen. Die Führungsperson hat dennoch noch immer die Verantwortung, erlaubt aber Mitarbeitern, ebenfalls Führungsrollen zu übernehmen. Dies führt insgesamt zu einer Entlastung der Führungsperson, sowie zu mehr Motivation im Team.
Der kooperative Führungsstil – für mehr Motivation
Hier steht der aus sich heraus motivierte und leistungswillige Mitarbeiter im Fokus, der nicht nur arbeitet, um Geld zu verdienen, sondern in seinem Tun auch einen Sinn findet. Hierzu bedarf es einer Anpassung der Denkweise der Führungsperson. Nicht nur die vorher gehaltene Distanz zwischen Führung und Mitarbeiter schmilzt, auch das reine Anordnen von Aufgaben ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse des jeweils ausgewählten Mitarbeiters wird in diesem Modell nicht mehr fortgeführt. Im Wesentlichen zeichnet sich der kooperative Führungsstil dadurch aus, dass Führungsperson und Mitarbeiter in der Umsetzung von Projekten und Zielen enger zusammenarbeiten und sich in ihren Kompetenzen ergänzen. Ab hier kann man anfangen von einem „Team“ zu sprechen.
Wo vorher (teils utopische) Ziele „von oben“ diktiert wurden und die Mitarbeiter in diese „Richtung“ zu laufen hatten, wird nun das gesamte Team „mitgenommen“. Es geht nicht mehr um das sture „Abarbeiten von (unverständlichen) Aufgaben“, sondern um das Erreichen von gemeinsamen und realistischen Zielen, in welchen jeder Einzelne tatsächlich einen Sinn sieht und daher von individueller Motivation getrieben wird. Hier kommen Begriffe wie „Transparenz“ und „Fairness“ ins Spiel. Denn wenn ich weiß, warum ich etwas tue, dann fühle ich mich durch ein Mitspracherecht integriert und fair behandelt. Und dies sind Werte, die von heutigen Arbeitnehmern gelebt und gefordert werden. Aber es geht noch weiter:
Werden Ziele gemeinsam definiert, werden das Teamgefühl gestärkt, die Kommunikation gefördert und Konflikte vermieden. Denn nun gibt es eine klare Richtung, auf die sich jeder berufen kann. Dass es in solchen Fällen auch einmal zu Trennungen kommen kann, ist natürlich nicht auszuschließen. Aber nach und nach baut man sich ein Team auf, das an einem Strang zieht. Und solch eine positive innere Kraft ist auch sichtbar für Patientenbesitzer, was die beste Voraussetzung dafür ist, den eigenen Praxis- und Klinikerfolg zu steigern.
Mitsprache statt Anordnung – mehr Vertrauensaufbau
Wenn wir vom autoritären Führungsstil weg hin zur kooperativen Führung möchten, bedarf es einer neuen Art des Vertrauensaufbaus. Und diese basiert auf einer „freiwilligen Gefolgschaft“ des Teams. Heutzutage sind gute Führungsqualitäten nicht mehr nur mit einer hohen fachlichen und methodischen Kompetenz sowie Leistungswille und Durchsetzungsfähigkeit gleichzusetzen. Heutige Führungspersonen können auch anderen Kompetenzen neben sich Raum geben, die die eigenen übersteigen. Vielleicht gibt es im Team Mitarbeiter, die in ihren Fachgebieten besser Bescheid wissen und daher auch bessere Entscheidungen treffen können. Kooperativ agierende Führungspersonen respektieren ihre Mitarbeiter als gleichwertig, pflegen eine respektvolle Kommunikation und bleiben in allen Situationen dennoch der Dirigent, der das Orchester leitet. Die Ziele werden noch immer vorgegeben und koordiniert, sodass die Einzelleistungen am Ende zum gewünschten Gesamtergebnis führen.
Das Ziel im kooperativen Führungsstil sollte sein, sich durch Reife und Offenheit auszuzeichnen, die Leistungen des Teams an- und Potential zu erkennen sowie Selbstvertrauen zu fördern. Rückschläge werden gemeinsam ausgehalten und niemand wird im Stich gelassen. Es gilt das Prinzip: Stärken werden gestärkt, Schwächen werden geschwächt.
Fazit:
Tierarztpraxen und -kliniken mit einer hohen Fluktuation leiden unter anderem unter einem autoritären Führungsstil. Die fehlende Entscheidungsbefugnis von Mitarbeitern führt dazu, dass diese die Sinnhaftigkeit in der eigenen Arbeit nicht sehen und letztlich der Führungsperson nicht vertrauen. Vertrauensaufbau durch Kooperation ist aber eine langfristige Investition. Auch wenn dieser „neue“ Führungsstil anfangs viel Zeit in Anspruch nimmt: Kooperation lässt Menschen zusammenarbeiten und schafft Transparenz, Struktur und Sicherheit. Und dies im Sinne des gesamten Unternehmens.
Take Home Message:
Ein kooperativer Führungsstil schafft Transparenz, Struktur und Sicherheit – und ist daher dem autoritären Führungsstil in der heutigen Zeit vorzuziehen.